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Mit dem Zug nach Lissabon, Lausanne und Edinburgh...

Es war einer der ersten größeren Reisen, die Karsten Höft aus Recklinghausen und ich gemeinsam unternahmen. Nach ersten Touren nach England im Frühjahr 1993 folgte genau ein Jahr später eine Tour mit dem Interrail-Ticket quer durch Westeuropa. Von Köln aus über Paris und Bordeaux nach Lissabon, Madrid und Almeria, und von Paris und Brüssel aus weiter nach London und Edinburgh. Ein weiterer Abstecher erfolgte in die Schweiz nach Basel und Lausanne.
Später führten Karsten und ich noch viele weitere Projekte durch. So zum Beispiel zu Fuß durch den Südwesten Ticket Spanien Irlands, entlang auf dem West Highland Way und auf dem El Camino de Santiago de Compostela, zu Fuß auf dem ehemaligen Mauerstreifen von Berlin, und als Höhepunkt im Sommer 2003 die weit über 1000 Kilometer lange Wanderung entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, die uns von Prex nach Priwall führte.
Man kann sagen, die damalige Reise mit dem Interrail-Ticket war ein kleiner Test, wie es gemeinsam auf längeren Reisen verlaufen würde. Obwohl auf der 94er Tour nicht alles bestens verlief, so sollten doch noch viele weitere Touren folgen...
Damals waren Karsten und ich noch beim Chemiekonzern Bayer in Leverkusen tätig. Kurz vor meiner Rückkehr nach Berlin planten wir im März 1994 eine Tour in Richtung Portugal. Der Anlass war ein Europapokalspiel vom TSV Bayer 04 Leverkusen bei Benfica Lissabon. Man munkelte von einer Kulisse von 80000 bis 100000 Menschen, und diese Tatsache lockte uns sehr. Nach dem Erwerb der Eintrittskarten auf der Geschäftsstelle und dem Kauf der beiden Interrail-Tickets, machten wir uns mit einem Nachtzug auf den Weg nach Paris, wo uns recht kühles und graues Wetter empfing.
Ein Tag später im südlicheren Bordeaux schien dagegen bereits eine warme Frühlingssonne. Auf dem Programm standen der Marinehafen und der Markt in der Altstadt, bevor es mit einem weiteren Nachtzug in Richtung Lissabon weiterging. Mit bei uns im Abteil saßen ein paar Stuttgarter, die uns auslachten, für ein Fußballspiel so weit zu reisen. Es half auch nicht der Einwand, dass dies zugleich ein Urlaub sei, man nahm uns nicht recht ernst und wünschte uns schmunzelnd viel Spaß mit dem Pillenclub in Lissabon. Benfica würde eh haushoch gewinnen.
Gerade legten wir uns auf unsere Liegen, als ein dicker Spanier mit einer Glocke auf dem Gang vorbeilief und rief: "Cena! cena!" Das Abendbrot war im Speisewagen angerichtet, und da wir dachten, das Mahl sei im happigen Reservierungspreis enthalten, machten wir uns auf den Weg zum Zugrestaurant. Doch dort erwartete uns ein Blatt Papier auf dem Tisch, auf dem uns das aktuelle Abendmenü und der dazugehörige Preis anlachten. Der Preis enteilte jeglichen Relationen für ein Abendessen, und somit stellten wir uns an einen kleinen Imbissstand am Ende des Waggons. Lieblos knallte man uns zwei belegte Baguette in Folien auf den Tresen. Beim Aufklappen mussten wir feststellen, dass der Kochschinken bereits grün und blau anlief. Wir beließen es bei ein paar Trockenkeksen und einer Flasche San Miguel.
Auf dem Lissabonner Bahnhof erwartete uns bunter Trubel. Menschenmassen schoben sich in Richtung Ausgang, und Männer mit Wägelchen boten sich lauthals an, das Gepäck zu schieben. Nach einem ausführlichen Stadtrundgang durch die Gassen und Parkanlagen der Stadt machten wir uns auf den Weg zum riesigen Stadion von Benfica, in dem auf der Rundlaufbahn bereits ein lebendiger Adler herumgetragen wurde. Das Präsentieren des Wappentieres sollte die Menschenmassen aufpeitschen und mobilisieren. Das Spiel war recht ordentlich und endete 1:1. Tatsächlich waren über 90000 Fans bei dieser Begegnung anwesend. Die Kulisse war wahrlich beeindruckend.
Nach einer Nacht auf den Treppen des Lissabonner Hauptbahnhofs fuhren wir mit Nahverkehrszügen nach Entroncamento und Badajoz. Für diese Strecke benötigten die lahmen Dieseltriebwagen eine halbe Ewigkeit. Über die portugiesisch-spanische Grenze ging es mit satten 20 km/h, und eine Menge Abgase wurden in das Innere des Zuges geleitet, so dass die Luft einen bläulichen Ton hatte. Kurz gesagt, die Fahrt an jenem Tag war strapaziös.
Zuvor in Entroncamento hatten wir Schwierigkeiten, überhaupt den richtigen Zug zu finden. Zuganzeigen und Schilder gab es nicht, und somit mussten wir uns durchfragen. Da ich "Badajoz" nicht perfekt aussprach, hatten die Leute Mühe, uns zu helfen. Mit Händen und Füßen und einem Stift und einem Fetzen Papier gelang es uns dann doch, zu verständigen. In einer Bahnhofskneipe nahmen wir noch ein kühles Glas Bier zu uns und wurden von einem älteren Mann angesprochen, der ein wenig Deutsch konnte und uns abschließend mit dem Hitlergruß verabschiedete.
Am späten Nachmittag erreichten wir Merida, von wo aus wir mit einem Nachtzug zum Mittelmeer fahren wollten. Daraus wurde vorerst nichts, denn der auf dem Fahrplan verzeichnete Zug fiel einfach aus, und somit blieb uns nur die Nacht in der Bahnhofshalle von Merida.
Am kommenden Morgen fuhren wir mit einem Talgo nach Madrid, und von dort aus mit einem Nachtzug nach Almeria. In Spanien und Portugal spontan unterwegs zu sein, war fast unmöglich. Die Verbindungen waren übel, und die Abstände der Züge teilweise katastrophal. Doch die reizvollen Landschaften zwischen Merida und Madrid entschädigten alles. Am beeindruckendsten war die mit Schnee bedeckte Gebirgskette der Cordilla Central, die etwa hundert Kilometer vor Spaniens Hauptstadt langsam an uns vorbeizugleiten schien. Riesig ragte der Berg Almanzo mit seinen 2600 Metern in den Himmel empor, und kleine Dörfer waren zu beiden Seiten zu sehen.
Da wir nun noch einen Abend in Madrid zur Verfügung hatten, beschlossen wir das Europapokalspiel zwischen Real Madrid und Paris St. Germain zu besuchen. Am Stadion Bernabeau kauften wir zwei preiswerte Tickets, mussten jedoch am Abend eine böse Überraschung erleben, denn Karsten und ich wurden mit diesen Eintrittskarten ins Stadion gelassen. Drinnen kochte bereits die Stimmung, und wir standen am Eingang und diskutierten mit den Ordnern. Es half nichts, die Tickets war nur für "Socios" zugelassen. Entgegen meiner ersten Annahme, "Socios" bedeute Ermäßigung für Schüler, Studenten und Arbeitslose, waren diese Eintrittskarten nur Vereinsmitgliedern von Real Madrid bestimmt. An der Kasse wollte niemand unseren Vereinsausweis sehen, doch am Stadiontor wurde sehr genau kontrolliert. Es halfen keine Diskussionen und kein Flehen. Der Traum, einmal Real live zu sehen, war ausgeträumt. Das Spiel konnten wir uns somit nur an einem Fernseher in einem Bahnhofscafé ansehen. Recht frustriert fuhren wir anschließend mit dem Nachtzug nach Almeria.
Meine Stimmung war dermaßen mies und gereizt, dass die Situation im Abteil fast zwischen Karsten und mir eskalierte. Am kommenden Morgen war jedoch wieder alles vergessen, und typisch andalusische Landschaften und tiefblauer Himmel brachten uns auf neue Gedanken. Die alte maurische Festung und die trockenen Berglandschaften faszinierten uns, und als wir noch eine einsame Bucht am Mittelmeer fanden, war der Aufenthalt in Almeria perfekt. 25 Grad und Sonne, ein erstes behutsames Bad im Meer, während es zu Hause im Rheinland bei 3 Grad nieselte.
Mit dem Nachtzug fuhren wir zuerst wieder zurück nach Madrid und ein Tag später weiter nach Paris, wo uns wieder trübes, mitteleuropäisches Wetter erwartete. Unser Heftchen des Interrail-Tickets, in das man die Streckenabschnitte eintragen musste, Interrail füllte sich immer mehr.
Nach kurzer Pause ging es von Köln aus über Brüssel nach Basel. Die Schweiz war unser nächstes Interrail-Ziel. Vom dreigeteilten Bahnhof Basel aus ging es mit einem Bummelzug ins malerisch gelegene Lausanne. Im dortigen Olympiastadion schauten wir uns das Spiel in der schweizerischen Fußballliga gegen Servette Genf an, das 0:3 ausging. Die Gästefans sangen voller Euphorie mal auf Deutsch und mal auf Französisch. Ein paar Rauchtöpfe und Bengalfackeln wussten die Gäste auch zu zünden. Ein kleiner Hauch von San Siro kam auf.
Ein ganz anderer Hauch kam auf, als wir uns vor den Toren von Lausanne einen Schlafplatz suchten. Mit einem Linienbus fuhren wir zu einem Wäldchen außerhalb der Stadt. Dort legten wir uns mit unseren Schlafsäcken einfach ins Gebüsch. Ein Zelt hatten wir aus Platzgründen nicht dabei, und wir hofften ganz einfach auf trockenes Wetter. Die Schlafsäcke waren warm genug, doch trocken blieb es die Nacht über nicht. Erst nieselte es, und später legte sich eine zarte Schneedecke auf das Unterholz und den kargen Boden. Es war absurd, zu dieser Zeit mit dem bloßen Schlafsack im Gebüsch in der Schweiz zu liegen. Wir hatten eine Flasche Amaretto dabei, und so versüßten wir uns ein wenig die Nacht...
Was man nicht alles macht, wenn man noch so jung ist. Mit 20 Jahren machten wir uns überhaupt keine Gedanken. Wir ließen es einfach so kommen, wir hofften stets auf ein gutes Quentchen Glück. So auch bei unserer Übernachtung im schottischen Edinburgh eine Woche später. Über Brüssel, London und Manchester fuhren wir mit verschiedenen Zügen in die schottische Hauptstadt. Vorbei an Wolverton, Northampton, Stafford und Stoke.
Anfangs dominierte noch die typisch englische Landschaft, doch ein Wechsel erfolgte ab dem 55. Breitengrad. Die Gegenden wurden einsamer und die Berge zunehmend höher. Weitläufige Wiesen waren auszumachen, und nur selten unterbrach eine Baumgruppe die kargen Flächen. Die Hügelketten und Berge waren auf den Hängen und Kuppen mit Geröll bedeckt, und auch einige Schneefelder waren in der Ferne auszumachen. Karsten und ich machten bereits kleine Späßchen über unsere kommende Übernachtung in den Bergen. Nirgends war auf den Gipfeln und Hängen ein geschütztes Plätzchen auszumachen. Sobald doch einmal ein Baum auftauchte, musste ich feststellen, dass dieser zerzaust aussah und kaum Schutz bieten würde. Man konnte unschwer erahnen, wie häufig und mit welcher Intensität die Stürme über die Highlands entlangfegen.
Nach einem Spaziergang durch die Altstadt Edinburghs machten wir uns am späten Nachmittag auf den Weg zu den umliegenden Hügeln. Wir suchten uns eine geschützte Kuhle, und über uns zogen hastig dunkle Wolkenfetzen hinweg. Schon bald blinkten zwischen den Wolken die ersten Sterne hervor. Kälte und ein Gefühl der Einsamkeit kamen auf. Zu unseren Füßen lagen die Lichter der Stadt. Ich musste an die Scoten und Kelten denken, die einst diese Gegend bewohnten und große Schlachten führten. Glücklicherweise regnete es diese Nacht nicht, und ich konnte die Notplane getrost im Rucksack lassen.
Morgens beim Aufwachen begrüßte uns Reif auf den Interrail Gräsern, und wir fühlten uns verspannt und wie gerädert. Langsam trotteten wir wieder hinunter in die Stadt und machten uns auf den Weg zu einer Bäckerei und anschließend zum Stadion von Hibernian Edinburgh, wo Celtic Glasgow zu Gast war und reichlich
Gästefans mitbrachte.
Über Newcastle ging es weiter nach London, wo wir auf dem Flughafen Gatwick übernachteten. Um das Interrail-Ticket komplett auszunutzen fuhren wir abschließend noch quer durch die Niederlande und Belgien. Von Den Haag nach Rotterdam und Amsterdam, von Brüssel nach Antwerpen, Pepinster und Liege. Insgesamt betrachtet war diese Reise ein tolles, aufregendes Erlebnis, doch noch einmal würde ich mir diese Strapazen nicht antun. Das Flickwerk quer durch Europa war besonders in Spanien und Portugal sehr nervenaufreibend.
Mit der Bahn allerdings sollte ich die kommenden Jahre noch einige Male unterwegs sein, so zum Beispiel mit der Transsib von Moskau über Ulaan Baatar nach Beijing, und von Vladivostok zum Baikalsee und nach Irkutsk...


» Mit der Eisenbahn geht es auch im aktuellen Buch "13 Reise-Fragmente" von Mark Bauch und Marco Bertram quer durch die Lande! Unter anderem geht es mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau über Ulaan Baatar nach Beijing, von Vladivostok nach Irkutsk, von der ägyptischen Hauptstadt Kairo nach Luxor und Theben West und von Delhi aus quer durch Indien.
Ein ganz spezielles Zugabenteuer geschah an der slowakischen Grenze, als es zu einer unerwarteten Festnahme durch slowakische Beamte kam...
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Die letzten Forenbeiträge des Reise-Forums:


Informationen zu Marco Bertram

Zur Person: Marco Bertram
• Freiberuflicher Autor und Foto-Journalist
• Zahlreiche Reisen nach Russland, Brasilien, Kanada, Ägypten und quer durch Europa.
• Verfasser einer Vielzahl an Berichten, Reisereportagen und Kurzgeschichten.
• Autor der beiden Bücher "In 7 Wochen von Rio nach Manaus" und "13 Reise-Fragmente".
• Segelprojekt Berlin-Sydney 2000
• Im April 2005 wurde eine Wanderausstellung zur deutsch-deutschen Grenze realisiert. Vorabpräsentation beim Europäischen Parlament in Brüssel.
• Diavorträge zur Transsib & zur deutsch-deutschen Grenze
• größere Vorträge bisher: im Hyatt Hotel Köln für Gebeco, im Maritim Hotel Travemünde für die Raiffeisenbank, in Lübeck, in Hartha, im Tränenpalast Berlin
• Iron Curtain Trail: Unterwegs auf dem Balkan
Infos zu Marco Bertram



13 Reise-Fragmente

Schiffbruch bei heftigem Sturm auf der Nordsee im November 1999 - auf der Fahrt nach Sydney gerieten zwei Segelboote vor Holland in schwere Seenot, eine Busentführung im Norden Brasiliens, eine Festnahme an der slowakischen Grenze, ohne Gepäck von Kairo nach Theben West. mit der Transsib quer durch Asien, Leben in einem Zen-Kloster in New Orleans und eine mit Krankheit verbundene Reise in Indien.
Dies sind die spannenden Höhepunkte im Reisebuch "13 Reise-Fragmente" von Marco Bertram und Mark Bauch.
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DDR-Grenzpfahl

Im Sommer 2003 wurde zu Fuß die ehemalige deutsch-deutsche Grenze dokumentiert.
Zu diesem Thema gibt es auf dieser Website:
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Ein Tagebuch über die Tour
Eine große Fotogalerie


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